GRI vs. ESRS Wesentlichkeitsanalyse: Was Sie wissen müssen

Da die Nachhaltigkeitsberichterstattung in eine neue Ära der Regulierung, der Kontrolle durch die Stakeholder und der strategischen Bedeutung eintritt, ist das Konzept der Wesentlichkeit zu einer entscheidenden Grundlage für glaubwürdige Offenlegungen geworden. Zwei der einflussreichsten Rahmenwerke –GRI (Global Reporting Initiative) und ESRS (Europäische Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung) unter der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD)-unterscheiden sich grundlegend darin, zu bestimmen, was in einem Nachhaltigkeitskontext „wesentlich“ ist.

In diesem Artikel gehen wir näher darauf ein, wie GRI und ESRS Wesentlichkeit definieren, anwenden und operationalisieren und was das für Unternehmen bedeutet, die freiwillig oder verpflichtend über Nachhaltigkeit berichten.

1. Warum Wesentlichkeit in der Nachhaltigkeitsberichterstattung wichtig ist

Die Wesentlichkeit bestimmt, über welche Nachhaltigkeitsthemen eine Organisation berichten sollte. Sie stellt sicher, dass Nachhaltigkeitsberichte für Stakeholder wie Investoren, Mitarbeiter, Aufsichtsbehörden und Gemeinden relevant, zielgerichtet und entscheidungsnützlich sind.

Eine solide Bewertung der Wesentlichkeit hilft Organisationen dabei:

  • Priorisieren Sie die Auswirkungen, Risiken und Chancen der Nachhaltigkeit

  • Effiziente Zuweisung von Ressourcen für die Berichterstattung und Verwaltung

  • ihre Nachhaltigkeitsstrategie mit den Erwartungen der Stakeholder in Einklang bringen

  • Erfüllen Sie die sich entwickelnden regulatorischen Anforderungen, einschließlich der CSRD

Da die regulatorischen Anforderungen und die Anforderungen der Stakeholder immer anspruchsvoller werden, ist die Wesentlichkeitsprüfung nicht länger eine freiwillige „gute Praxis“ – sie ist die Grundlage einer glaubwürdigen und vertretbaren Berichterstattung.

1.1 Wer muss GRI oder ESRS anwenden?

GRI

Die GRI-Standards sind freiwillig und international anerkannt. Sie werden verwendet von:

  • Unternehmen aller Größen und Branchen, die über ihre Nachhaltigkeitsauswirkungen berichten möchten

  • Organisationen, die ihre Ausrichtung an globalen Normen (z. B. UN Global Compact, SDGs, OECD-Leitsätze) nachweisen wollen

  • Unternehmen, die Transparenz in den Beziehungen zu ihren Stakeholdern, öffentliche Rechenschaftspflicht oder ESG-Benchmarking anstreben

Einige Börsen und nationale Regulierungsbehörden empfehlen GRI oder integrieren es in ihre Rahmenwerke, aber es ist nicht verpflichtend, es sei denn, es wird ausdrücklich durch eine Verordnung übernommen. GRI ist besonders beliebt bei multinationalen Unternehmen, öffentlichen Einrichtungen und KMUs, die einen leichten, aber glaubwürdigen Weg suchen, um mit der Nachhaltigkeitsberichterstattung zu beginnen.

ESRS (CSRD)

Die ESRS sind für Unternehmen, die unter die Richtlinie über die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen (CSRD) fallen, rechtlich bindend . Dazu gehören große EU-Unternehmen, börsennotierte KMUs und Nicht-EU-Unternehmen mit bedeutendem EU-Geschäft. Die CSRD gilt stufenweise von 2025 bis 2029, abhängig von der Unternehmensgröße, dem Status der Börsennotierung und der geografischen Reichweite. Die EU-Omnibus-Initiative plant derzeit eine Anpassung der Schwellenwerte für Unternehmen, was die Rechtslage unsicher macht. Wenn Ihr Unternehmen nicht unter die CSRD fällt, bleiben die GRI-Standards das führende globale Rahmenwerk für die freiwillige Nachhaltigkeitsberichterstattung.

2. Zwei unterschiedliche Wesentlichkeitskonzepte: Auswirkung vs. doppelte Wesentlichkeit

GRI: Impact-Wesentlichkeit als einziges Objektiv

Die Global Reporting Initiative (GRI ) basiert auf dem Konzept der Wesentlichkeit der Impacts, d.h. der Identifizierung von Themen und der Berichterstattung darüber, wie ein Unternehmen die Welt um sich herum beeinflusst, d.h. die Menschen, die Umwelt und die Wirtschaft.

Dies wird manchmal als „Inside-Out“ -Perspektive bezeichnet: Der Fokus liegt nicht auf dem, was das Unternehmen betrifft, sondern auf dem, was das Unternehmen betrifft.

Die wichtigsten Aspekte des GRI-Konzepts der Wesentlichkeit:

  • Die Auswirkungen sind zentral: Ein Thema ist wesentlich, wenn es die wichtigsten tatsächlichen oder potenziellen Auswirkungen der Organisation auf die Gesellschaft, die Umwelt oder die Menschenrechte widerspiegelt.

  • Die Perspektive der Stakeholder ist erforderlich: Der Beitrag der Stakeholder – insbesondere derjenigen, die von den Aktivitäten des Unternehmens betroffen sind – ist eine zentrale Komponente bei der Bestimmung der Bedeutung der Auswirkungen.

  • Finanzielle Wesentlichkeit wird nicht berücksichtigt: Ein Thema kann nach GRI wesentlich sein, auch wenn es keine finanziellen Folgen für die Organisation hat.

  • Keine vordefinierte Themenliste: Unternehmen definieren ihr eigenes Universum potenzieller wesentlicher Themen, basierend auf dem Kontext und dem Dialog mit den Stakeholdern. Branchenstandards können typische Themen vorschlagen, sind aber nicht verbindlich.

Warum das wichtig ist:

Der Ansatz der GRI stellt sicher, dass die Nachhaltigkeitsberichterstattung rechenschaftspflichtig bleibt. Er drängt Unternehmen dazu, über die Einhaltung von Vorschriften oder die finanzielle Relevanz hinaus zu denken und sich auf ihre umfassendere Verantwortung gegenüber den Menschen und dem Planeten zu konzentrieren.

ESRS: Das Prinzip der doppelten Wesentlichkeit

Nach den European Sustainability Reporting Standards (ESRS), die im Rahmen der CSRD gesetzlich vorgeschrieben sind, müssen Unternehmen das Konzept der doppelten Wesentlichkeit. Dieses Konzept kombiniert zwei Dimensionen:

  1. Impact-Wesentlichkeit (wie GRI): wie das Unternehmen die Gesellschaft und die Umwelt beeinflusst

  2. Finanzielle Wesentlichkeit (ähnlich wie IFRS/ISSB): Wie wirken sich Nachhaltigkeitsfragen auf die Finanzlage, die Leistung oder die zukünftige Entwicklung des Unternehmens aus?

In der Praxis bedeutet dies, dass ein Thema im Rahmen des ESRS als wesentlich gilt, wenn es eines dieser Kriterien erfüllt:

  • Sie hat erhebliche tatsächliche oder potenzielle Auswirkungen (Inside-Out), oder

  • Es stellt ein erhebliches Risiko oder eine Chance für das Geschäft des Unternehmens dar (Outside-in)

Die wichtigsten Auswirkungen:

  • Beide Perspektiven sind erforderlich: Unternehmen müssen jedes Thema explizit aus beiden Blickwinkeln bewerten und die Ergebnisse dokumentieren.

  • Die Wesentlichkeit muss vertretbar sein: Die Gründe für die Aufnahme oder den Ausschluss eines Themas müssen transparent sein, insbesondere bei Themen mit hohen Erwartungen wie Klimawandel, biologische Vielfalt und Menschenrechte.

  • Finanzielle Wesentlichkeit ist weiter gefasst als „Relevanz für Investoren“: Der ESRS definiert finanzielle Wesentlichkeit anhand der potenziellen Auswirkungen auf Einnahmen, Kosten, Vermögenswerte, Verbindlichkeiten oder Kapitalkosten auf kurze, mittlere oder lange Sicht.

  • Die Wesentlichkeit dient der Einhaltung von Gesetzen: Nur Themen, die durch diesen Prozess als wesentlich eingestuft werden, lösen die Verpflichtung zur Anwendung und Offenlegung detaillierter ESRS-Themenstandards aus (mit einigen Ausnahmen für Pflichtangaben).

Warum das wichtig ist:

Der ESRS-Ansatz spiegelt das Ziel der EU wider, Nachhaltigkeit und Finanzberichterstattung zu integrieren. Er lehnt sich eng an das vom ISSB und TCFD geförderte Konzept des „Unternehmenswertes“ an, behält aber durch die anhaltende Betonung der Auswirkungen auf Stakeholder und Umwelt eine starke normative Grundlage bei.

3. Wesentlichkeitsanalyse Prozess: GRI vs. ESRS

Sowohl GRI als auch ESRS verlangen von den Unternehmen, dass sie bestimmen, welche Nachhaltigkeitsthemen wesentlich sind, aber ihre Methoden unterscheiden sich in Struktur, Tiefe und Dokumentationsanforderungen. GRI bietet strukturierte Anleitungen und fördert die Flexibilität; ESRS umreißt strenge Erwartungen, die durch verbindliche Offenlegungsregeln unterstützt werden.

3.1 GRI Wesentlichkeitsanalyse Prozess (GRI 3)

In GRI 3: Wesentliche Themen (2021) wird die Bewertung der Wesentlichkeit als vierstufiger Prozess dargestellt. Diese Schritte sind zwar nicht rechtsverbindlich, aber gut strukturiert und werden in der Praxis weitgehend übernommen.Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit. Ut elit tellus, luctus nec ullamcorper mattis, pulvinar dapibus leo.

Schritt 1: Verstehen des Kontextes der Organisation

Das Unternehmen beginnt mit der Analyse seines Geschäftsmodells, seiner Aktivitäten, Sektoren, Regionen und seiner Wertschöpfungskette. Dies beinhaltet:

  • Angebotene Produkte und Dienstleistungen

  • Bediente Märkte

  • Operative Standorte

  • Governance-Struktur und Stakeholder-Umfeld

  • Bekannte Nachhaltigkeitsrisiken (z.B. Abholzung, Arbeitsbedingungen, Emissionen)

Das Unternehmen wird ermutigt, relevante Stakeholder-Gruppen wie Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, lokale Gemeinschaften, NGOs und Regulierungsbehörden frühzeitig zu identifizieren.

Ziel: Aufbau eines grundlegenden Verständnisses dafür, wo und wie sich die Nachhaltigkeit auswirken könnte.

Schritt 2: Identifizieren Sie tatsächliche und potenzielle Auswirkungen

In dieser Phase führt die Organisation eine umfassende Ermittlung der Auswirkungen durch. Die Auswirkungen können sein:

  • Tatsächlich (bereits eingetreten) oder potentiell (könnte eintreten)

  • Negativ (schädlich für Menschen oder die Umwelt) oder positiv (Nutzen stiftend)

  • Verursacht, beigetragen oder direkt verbunden durch Geschäftsbeziehungen

Der Geltungsbereich muss nicht nur die internen Abläufe, sondern auch die vor- und nachgelagerten Aktivitäten der Wertschöpfungskette umfassen.

Typische Quellen sind:

  • Interne Bewertungen (z.B. Audits, Beschwerden)

  • Input von Interessengruppen

  • GRI-Sektorstandards

  • Frühere Bewertungen der Wesentlichkeit

  • Berichte der Zivilgesellschaft und Nachrichtenberichterstattung

Ziel: Erstellen Sie eine lange Liste von Nachhaltigkeitsthemen, die mit tatsächlichen/potentiellen Auswirkungen verbunden sind.

Schritt 3: Bewerten Sie die Bedeutung der einzelnen Auswirkungen

Jede identifizierte Auswirkung wird anhand von drei Kernkriterien bewertet (plus einem vierten für potenzielle Auswirkungen):

  1. Ausmaß – Wie schwerwiegend sind die Auswirkungen (z. B. Verletzungen, Verschmutzung, Vertreibung)?

  2. Umfang – Wie groß ist die Auswirkung (z. B. Anzahl der Menschen, geografisches Gebiet)?

  3. Unabänderlichkeit – Können die Auswirkungen rückgängig gemacht oder korrigiert werden?

  4. Wahrscheinlichkeit – (für potenzielle Auswirkungen) Wie wahrscheinlich ist das Auftreten?

Diese Bewertungen sind qualitativer Natur, auch wenn Organisationen Bewertungsmodelle oder Heatmaps anwenden können, um die Konsistenz zu unterstützen.

Die Sichtweise der Interessengruppen muss hier berücksichtigt werden – sowohl bei der Beurteilung als auch bei der Validierung von Signifikanzniveaus.

Ziel: Priorisieren Sie die Themen, die die wichtigsten Auswirkungen der Organisation auf die Nachhaltigkeit widerspiegeln.

Schritt 4: Prioritäten setzen und wesentliche Themen offenlegen

Schließlich stellt die Organisation eine Liste der wesentlichen Themenzusammen – also der Themenmit den größten Auswirkungen – und veröffentlicht diese:

  • Die verwendete Methodik (GRI 3-1)

  • Die endgültige Themenliste (GRI 3-2)

  • Wie jedes Thema verwaltet wird (GRI 3-3)

Der GRI-Ansatz erlaubt Flexibilität bei der Art und Weise, wie die Ergebnisse visualisiert oder strukturiert werden (z.B. Matrix, Liste, Cluster). Der Prozess muss jedoch wiederholbar und transparent sein, mit einer klaren Dokumentation der Annahmen und Entscheidungen.

Ziel: Den Stakeholdern einen klaren Überblick darüber zu verschaffen, welche Themen am wichtigsten sind – und wie sie verwaltet werden.

3.2 ESRS Wesentlichkeitsanalyse Prozess (EFRAG IG 1)

Nach den Europäischen Nachhaltigkeitsberichtsstandards (ESRS) ist die Wesentlichkeitsprüfung obligatorisch und muss nach dem Prinzip der doppelten Wesentlichkeit durchgeführt werden. Während die ESRS kein genaues Verfahren vorschreiben, skizziert die Implementation Guidance (IG 1) der EFRAG einen strukturierten, vierstufigen Ansatz.

Jeder Schritt muss dokumentiert, begründet und überprüfbar sein – nichtnur für den internen Gebrauch, sondern auch für die externe Absicherung und die behördliche Überprüfung.

Schritt 1: Verstehen des Nachhaltigkeitskontextes und der Stakeholder

Unternehmen beginnen damit, ihren Nachhaltigkeitskontext abzubilden, einschließlich:

  • Geschäftsmodell und Hauptaktivitäten (Produkte, Geschäftstätigkeit, Märkte)

  • Akteure der Wertschöpfungskette (Lieferanten, Händler, nachgelagerte Auswirkungen)

  • Sektorspezifische Risiken und Erwartungen

  • Einschlägige Vorschriften und gesellschaftliche Erwartungen

Gleichzeitig führen die Unternehmen eine Stakeholder-Analyse, um sie zu identifizieren:

  • Betroffene und interessierte Stakeholder (Mitarbeiter, Gemeinden, NGOs, Investoren, etc.)

  • Wie sie in den Bewertungsprozess einbezogen werden

  • Die verwendeten Mechanismen (Interviews, Umfragen, Beschwerdemechanismen, etc.)

Ziel: Sicherstellung einer umfassenden, faktengestützten Grundlage für die Bewertung von Wirkung und finanzieller Relevanz.

Schritt 2: Identifizieren Sie relevante Nachhaltigkeitsthemen (IROs)

Unternehmen entwickeln ein Universum potenziell relevanter Themen, darunter:

  • Auswirkungen (wie das Unternehmen die Menschen und den Planeten beeinflusst)

  • Risiken und Chancen (wie Nachhaltigkeit das Unternehmen finanziell beeinflusst)

Dieser Scan muss alle 10 aktuellen ESRS-Standards abdecken, einschließlich:

  • Klimawandel

  • Umweltverschmutzung

  • Wasser und Meeresressourcen

  • Biodiversität und Ökosysteme

  • Kreislaufwirtschaft

  • Arbeitskräfte des Unternehmens

  • Arbeitskräfte in der Wertschöpfungskette

  • Betroffene Gemeinschaften

  • Verbraucher und Endnutzer

  • Unternehmensführung

Externe Quellen (GRI, SASB, TCFD) können die Überprüfung unterstützen, aber die Unternehmen müssen sicherstellen, dass der ESRS vollständig abgedeckt ist. Ein nützlicher Ausgangspunkt ist die Liste der Nachhaltigkeitsaspekte im Anhang des ESRS 1 (in dem die zu berücksichtigenden Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen aufgeführt sind) und die IRO-Datenbank von CSR Tools.

Ziel: Erstellung einer Longlist von Auswirkungen, Risiken und Chancen (IROs ) im gesamten ESG-Spektrum.

Schritt 3: Bewerten Sie die Wesentlichkeit in zwei Dimensionen

Jede IRO wird anhand von zwei verschiedenen Kriterien getestet:

Impact-Wesentlichkeit

  • Schwere der Auswirkungen (Ausmaß, Umfang, Unabänderlichkeit)

  • Wahrscheinlichkeit (für mögliche Auswirkungen)

Finanzielle Wesentlichkeit

  • Mögliche Auswirkungen auf:

    • Umsätze, Kosten

    • Aktiva, Passiva

    • Kosten des Kapitals

  • Kurz-, mittel- und langfristig betrachtet

Die Themen werden bewertet durch:

  • Internes Fachwissen (Recht, Risiko, Finanzen, ESG)

  • Feedback von Interessengruppen

  • Szenarioanalyse oder Bewertungsmodelle

Ziel: Eine vertretbare Liste der wesentlichen Nachhaltigkeitsaspekte zu erstellen, die durch eine strukturierte, dokumentierte Argumentation gestützt wird. In der Praxis verwenden viele Unternehmen eine Software für die doppelte Wesentlichkeitsanalyse oder eine Excel-Vorlage, um den Prozess zu unterstützen.

Schritt 4: Legen Sie den Prozess und die Ergebnisse offen

Der letzte Schritt besteht darin, sowohl die identifizierten wesentlichen Themen als auch die zu ihrer Bewertung angewandte Methodik als Teil der Nachhaltigkeitserklärung des Unternehmens offenzulegen. Im Rahmen des ESRS sind Unternehmen nicht nur verpflichtet, über jeden wesentlichen Nachhaltigkeitsaspekt zu berichten, sondern auch eine transparente Erklärung darüber abzugeben , wie die Wesentlichkeitsprüfung durchgeführt wurde und zu welchen Ergebnissen sie geführt hat, wie es der ESRS verlangt:

  • ESRS 2 IRO-1 → Beschreibung der Methodik zur Bewertung der Wesentlichkeit

  • ESRS 2 IRO-2 → Liste oder Tabelle der wesentlichen Themen

  • SBM-3 → wie diese Themen mit dem Geschäftsmodell und der Strategie des Unternehmens zusammenhängen

Unternehmen müssen auch:

  • Begründen Sie, warum ein ESRS-Thema als nicht wesentlich eingestuft wurde

  • Berichtspflichtige Angaben, auch wenn ein Thema nicht wesentlich ist (z.B. Governance, allgemeine Strategie)

  • Bereit sein für eine externe Prüfung (begrenzt ab 2026, danach angemessen)

Ziel: Veröffentlichung eines transparenten, vollständigen und überprüfbaren Materialitätsprozesses und eines CSRD-konformen Nachhaltigkeitsberichts. Führende Tools zur doppelten Wesentlichkeitsanalyse – wie z.B. Materiality Master-unterstützen Unternehmen bei der Strukturierung und Dokumentation der wichtigsten Elemente dieses Prozesses.

4. Die Rolle der Wesentlichkeitsmatrix

Die Wesentlichkeitsmatrix ist ein Visualisierungstool, das die Bedeutung von Themen in verschiedenen Dimensionen darstellt. Ihre Rolle unterscheidet sich von Rahmenwerk zu Rahmenwerk:

In GRI:

  • Wird oft verwendet, um die Wichtigkeit der Stakeholder gegenüber der Schwere der Auswirkungen darzustellen.

  • Hilft bei der Prioritätensetzung und dem Dialog über Engagement

  • Nicht mehr obligatorisch, aber immer noch eine bewährte Praxis

In ESRS:

  • Nicht erforderlich, wird aber häufig verwendet, um doppelte Materialität zu visualisieren

  • X-Achse: finanzielle Wesentlichkeit; Y-Achse: Wesentlichkeit der Auswirkungen

  • Themen, die in beiden Achsen von Bedeutung sind, müssen gemeldet werden

  • Visuelle Unterstützung für Audit Trail, Entscheidungen auf Vorstandsebene und Transparenz

5. Detaillierte Vergleichstabelle - GRI vs. ESRS Wesentlichkeitsanalyse

Diese Tabelle fasst die wichtigsten Unterschiede zwischen der GRI- und der ESRS-Wesentlichkeitsanalyse zusammen, und zwar nicht nur im Konzept, sondern auch in Bezug auf Zweck, Umfang, Anwendung und Dokumentation. Jede Zeile enthält eine kurze Erklärung, um zu verdeutlichen, wie sich diese Unterschiede in der Praxis auswirken.

Aspekt GRI ESRS / CSRD
Konzept der Wesentlichkeit GRI verwendet einen einlinigen Materialitätsansatz, der sich ausschließlich auf die tatsächlichen oder potenziellen Auswirkungen des Unternehmens auf Menschen, Umwelt und Wirtschaft konzentriert. ESRS erfordert eine doppelte Wesentlichkeitsbewertung, die sowohl die impact-Wesentlichkeit (wie das Unternehmen andere beeinflusst) als auch die finanzielle Wesentlichkeit (wie die Nachhaltigkeit das Unternehmen beeinflusst) abdeckt.
Rechtlicher Status Freiwilliger Rahmen, sofern nicht von Regulierungsbehörden oder Stakeholdern gefordert; weltweit weit verbreitet. Rechtlich verbindlich im Rahmen der CSRD für alle Unternehmen, die unter die CSRD fallen, mit Verpflichtungen zur Versicherung.
Einbindung von Stakeholdern Ausdrücklich erforderlich, um die Auswirkungen zu ermitteln und zu bewerten; Stakeholder stehen im Mittelpunkt. Wird als Teil der Sorgfaltspflicht erwartet, ist aber weniger präskriptiv; basiert auf OECD/UN-Standards.
Umfang der Bewertung Organisationen definieren ihr eigenes Universum relevanter Themen, unterstützt durch Branchenstandards. Alle thematischen ESRS-Standards müssen geprüft und entweder berichtet oder als nicht wesentlich begründet werden.
Prozess der Bewertung Vier strukturierte Schritte: Kontext, Identifizierung der Auswirkungen, Bewertung der Bedeutung, Priorisierung. Ebenfalls vier Schritte, aber stärker formalisiert und angeleitet durch die EFRAG-Umsetzungshilfe (IG 1).
Offenlegung des Prozesses Empfohlen (GRI 3-1), aber flexibel in Format und Detaillierungsgrad. Obligatorische Offenlegung gemäß ESRS 2 IRO-1, IRO-2 und SBM-3; muss prüfbar sein.
Ausschluss von Themen Erlaubt ohne Begründung, es sei denn, die Erwartungen der Stakeholder oder die Leitlinien des Sektors legen etwas anderes nahe. Alle Ausschlüsse müssen begründet werden, insbesondere bei Themen wie Klima oder Biodiversität.
Mindestangaben Es wird nur über wesentliche Themen berichtet; keine zusätzlichen Pflichtangaben. Einige Offenlegungen (z.B. Governance, Strategie) sind unabhängig von der Wesentlichkeit erforderlich.
Verwendung der Matrix Optional; hilfreiches visuelles Hilfsmittel, aber seit der Aktualisierung der GRI 2021 nicht mehr erforderlich. Nicht erforderlich, aber weit verbreitet, um die doppelte Wesentlichkeit zu veranschaulichen; muss durch Belege belegt werden.
Audit und Versicherung Nicht erforderlich; freiwillige Versicherung ist möglich. Begrenzte Sicherheit ab 2026 erforderlich, angemessene Sicherheit später; Wesentlichkeitsprozess eingeschlossen.
Erwartungen an die Governance Die Verantwortung der Geschäftsleitung ist ausreichend; die Einbeziehung des Vorstands ist optional. Die Aufsicht auf Vorstandsebene wird erwartet und muss als Teil der Governance-Integration offengelegt werden.
Orientierung an der Berichterstattung Konzentriert sich auf öffentliche Transparenz und Rechenschaftspflicht gegenüber den Stakeholdern. Ziel ist es, entscheidungsrelevante Informationen für Stakeholder und Investoren bereitzustellen.

6. Schlussfolgerung: Die Wahl des richtigen Wesentlichkeitsrahmens - oder eine Kombination aus beidem

Das Konzept der Wesentlichkeit befindet sich im Wandel – von einem flexiblen, Stakeholder-gesteuerten Instrument zu einem regulatorischen, risikoinformierten Mechanismus für die Rechenschaftspflicht von Unternehmen und strategisches ESG-Management.

GRI und ESRS repräsentieren zwei verschiedene Stufen dieser Entwicklung.

  • Die GRI basiert auf freiwilliger Transparenz und dem Einfluss der Stakeholder. Sie ist das ideale Rahmenwerk für Organisationen, die über das berichten wollen , was für die Gesellschaft am wichtigsten ist, ohne dabei an gesetzliche Vorgaben gebunden zu sein.

  • Der ESRS hingegen markiert den Beginn der verpflichtenden Nachhaltigkeitsberichterstattung in Europa. Er verlangt von den Unternehmen, dass sie die Wesentlichkeit sowohl aus der Sicht der Auswirkungen als auch aus der Sicht der Finanzen bewerten, und zwar mit einer prüfbaren Dokumentation, einer Steuerung auf Vorstandsebene und rechtlichen Konsequenzen.

Die wichtigsten Unterschiede auf einen Blick:

  • GRI konzentriert sich nur auf die impact-Wesentlichkeit, während ESRS die doppelte Wesentlichkeit anwendet.

  • GRI ist freiwillig, ESRS ist gemäß der CSRD gesetzlich vorgeschrieben.

  • GRI erlaubt Flexibilität und Interpretation; ESRS verlangt Struktur, Rechtfertigung und Offenlegung.

  • GRI-Berichte dienen der Rechenschaftspflicht gegenüber Stakeholdern; ESRS-Berichte müssen auch der finanziellen Entscheidungsfindung dienen.

  • GRI ermöglicht schlanke interne Prozesse; ESRS erfordert funktionsübergreifende Zusammenarbeit und die Bereitschaft zur Qualitätssicherung.

Wesentlichkeit hat sich von einer Formalität der Berichterstattung zu einem zentralen strategischen Prozess entwickelt. Sie dient nun als kritische Linse, durch die Unternehmen nicht nur ihre Nachhaltigkeitsauswirkungen, sondern auch ihre Exposition gegenüber langfristigen Risiken, Chancen und Erwartungen der Gesellschaft, der Regulierungsbehörden und der Märkte bewerten.

Unabhängig davon, ob sich die GRI auf die Auswirkungen und die Rechenschaftspflicht konzentriert oder die ESRS die rechtlich verbindliche Integration von Finanz- und Nachhaltigkeitsaspekten vorsieht, eines ist klar: Wesentlichkeit ist nicht länger eine checkbox – es ist ein Spiegel. Und jedes Unternehmen muss entscheiden, was es widerspiegelt.